Der Gänsemarkt in Kaulsdorf
von Werner Dietzel

Zur Zeit seiner Ersterwähnung, im Jahre 1074, war Kaulsdorf ein kleines Dörfchen im Bereich der Brauereistraße am Fuße des Schlossberges und erst viele Jahre später, als die Saale durch bereinigen des Flussbettes nicht mehr so oft und weit über ihre Ufer trat, hat man die Häuser am Bach abwärts bis zur Saale gebaut.
Dort am Bach entlang war auch eine uralte Straße, die aus dem Orlatal den Last herunter zur Saalefurt am Wutschenbach und dort weiter über den Lohmen nach Laasen zum Sattelpaß und ins Maintal führte, wohl schon lange, bevor die dann gebaute Saalfelder Saalebrücke den Verkehr aus dem Orlatal nach Franken an sich zog. Diesen Weg nannte man auch „den alten Heeressteig“. Außerdem kam von Saalfeld über den Roten Berg und Tauschwitz eine weitere Straße nach Kaulsdorf, die zur Furt an der Saalmühle ging und nach Eichicht den Eichelberg hinauf und weiter Richtung Leutenberg bis nach Böhmen geführt hat und die in alten Unterlagen die „Böhmische Straße“ heißt. Später hat dann auch die erstgenannte Straße nicht mehr die Furt am Wutschenbach, sondern die an der Saalmühle und auf der Eichichter Seite den steilen Anstieg nach Lohmendorf hinauf benutzt. Der Begriff Straße darf natürlich nicht im heutigen Sinne verwendet werden. Es war nur ein dürftig ausgebauter weg und an den Fluß- und Bachübergängen gab es noch keine Brücken.
Nicht nur Kaulsdorf an sich, besonders der Gänsemarkt lag an der Stelle, wo sich beide uralten Fernstraßen berührten, wo die Fuhrleute und Händler ausspannten, Kommunikation pflegten und wenn erforderlich, auch Vorspanndienste in Anspruch nahmen.
So liegt es nahe, dass der Gänsemarkt ursprünglich eine große Wiese war, die viel Platz für vielerlei Fuhrwerke bot und ansonsten zum Weiden der Gänse, als Gänseanger gedient hat. Auch als dieser Verkehrsknotenpunkt (wohl ab dem 13./14. Jahrhundert) an Bedeutung verlor, diente er weiter den Bauern als gemeinsamer Gänseanger, war doch die Zucht und Haltung von Gänsen während des ganzen Mittelalters und bis zum 30-jährigen Krieg in unserer Heimat viel mehr verbreitet als in den danach folgenden Zeiten. Durch das ganze Mittelalter war die Ablieferung von „Martinsgänsen“ am Martinstag (11. November) eine der häufigsten Abgaben an weltliche und geistliche Lehnsherren. Auf den Gänseanger wurden Märkte abgehalten und auch hier waren wieder die Gänse das häufigste Handelsobjekt, hat sie doch jeder Bauer in kleinerer oder größerer Zahl zum Verkauf und zur Entrichtung von Abgaben herangezogen. Von 1794/95 gibt es eine Zusammenstellung der Patente (Privilegien) der in Kaulsdorf neu angelegten Viehmärkte. Auch diese Märkte fanden sicher auf dem Gänsemarkt statt.
Was hat unser Gänsemarkt schon alles gesehen? Die Spanier, die 1547 das Kaulsdorfer Pfarrhaus und zumindest auch Teile des Ortes abbrannten, haben von Saalfeld über Tauschwitz kommend auf ihren Durchzug sicher auch am Gänsemarkt randaliert und Häuser angezündet. 1640 betrachteten die Schweden aus ihrem Kriegslager auf dem Roten Berg Kaulsdorf als ihr Hinterland und plünderten es ordentlich aus. Als Mundraub von der Weide weggefangene Gänse werden da wohl das geringste gewesen sein, was sie mitnahmen. Der „Siebenjährige Krieg“ hat vor allen Einquartierungen und nicht bezahlte Zechen und Dienstleistungen den Einwohnern abgefordert. Manche durchziehende Husareneinheit hat im obern und untern Wirtshaus die Becher geleert, bevor sie weiterritt. 1770 fand hier zwischen dem oberen Wirtshaus und der Schmiede am Bach die große Schlägerei zwischen Saalfelder und Kaulsdorfer Bürgern, Bauern und Bergleuten statt, die in die Akten als der „Saalfelder-Kaulsdorfer Bergkrieg“ einging und bei dem der Kaulsdorfer Schmied mit einer glühenden Eisenstange auf die Saalfelder losgegangen war (die alte Schmiede ist das jetzige Haus der Familie Siebeck). Der Gutshof der Adelsfamilie von Könitz lag nach den alten Urkunden an der Saale, wird oft die „Behausung an der Saale“ genannt und es liegt auch aus anderen Gründen nahe, dass er im späteren unteren Wirtshaus zu suchen ist. Das danebenliegende Gehöft (Lindig/Jäger) soll das Gut Erbs gewesen sein, das zur der Reformation für die Fütterung der Hunde sorgen musste, die von den aus Saalfeld zur Seelsorge kommenden Mönchen zu ihrem Schutz mitgeführt worden sind. Diese später in eine Geldzahlung umgewandelte Verpflichtung, genannt „der Hundefraß“, soll bis ins 19. Jahrhundert hinein gezahlt worden sein. Das heute noch als „Edelhof“ bezeichnete Bauwerk war ein Gutshof und gehörte als Wirtschaftshof zum Schloss. Die Herren von Entzenberg, von Thüna und von Streitberg besaßen ihn, bevor er in der Mitte des 17. Jahrhunderts von Siegmund Ludwig von Dobeneck zu einer Art neuem Schloss ausgebaut wurde und das eigentliche Schloss zeitweilig nur noch „das alte Schlösslein“ (`s alte Schlössl) genannt wurde. Im Edelhof residierten dann im 18. und 19. Jahrhundert im Wechsel der Landeszugehörigkeit nacheinander mansfeldische, sächsische, brandenburg-bayreuthische, bayerische und preußische Beamte, verwalteten Kaulsdorf und blickten aus ihren Fenstern auf das Treiben auf den Gänsemarkt herab. Auch Alexander von Humboldt wohnte während seiner Bergbau-Inspektionen in den Jahren 1792 bis 1795 mindestens sechsmal jeweils mehrere Wochen hier.
Der Gänsemarkt war ein Zentrum von relativ wohlhabenden Bauern und Gewerbetreibenden. Hier wohnten im 19. Jahrhundert die Bürgermeister bzw. Gemeindevorsteher und ihre Stellvertreter sowie die einflussreichsten Gemeinderäte. Im Jahre 1835 war der Landwirt Erbs (jetziges Haus Lindig/Jäger) Gemeindevorsteher. 1837 hat aber Erbs die Gemeindeverwaltung an den neuen Ortsvorsteher Hofmann wohl nicht sehr korrekt übergeben, denn es wurde ihm ein Inventar der gemeindeeigenen Geräteschaften abgefordert bei Androhung von drei Reichstalern Strafe. 1842 war dann Bocklitz (jetziges Haus von Lothar Eckert) und schon 1843 Christoph Munsche Gemeindevorsteher.
In kurzen Zeitabständen wechselte dieses Amt unter den unmittelbaren Nachbarn hin und her. Auch „der reiche Dietzel“ (jetziges Haus Mihatsch) spielte vor dem 1. Weltkrieg eine wichtige Rolle im Gemeinderat. Nach der bekannten Einwohnerliste von 1908 ist Friedrich Bocklitz Gemeindevorsteher und Standesbeamte und sein Stellvertreter ist Karl Appelfelder (Weiße, das heutige Haus von Karl Heiz Kuhn). Auch noch 1914 und wohl auch während der 1. Weltkrieges übte Bocklitz dieses Amt aus. Erst nach dem 1. Weltkrieg mit der Abschaffung des Drei-Klassenwahlrechtes war die Zeit der Dorfschulzen vom Gänsemarkt vorbei.
Dafür war der Gänsemarkt schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Erstarken von politischen Verbänden und vielerlei Vereinen zum Aufstellungsort für Umzüge und Demonstrationen geworden. Besonders seit der Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis um etwa 1960 versammelten sich hier jeweils zu den entsprechenden Festtagen Kaisertreue und Militaristen, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, Rote und Braune zu ihren Aufmärschen. Auch Fackelzüge, Kirmesständchen der Jungen sowie Aufzüge zu Sportfesten und Sängertreffen begannen hier. Nach 1960 formierten sich dann die Umzüge von anderen Plätzen und der Gänsemarkt verlor seine zentrale Rolle. Erst mit der Gründung des Gänsemarktvereins wurde er wieder zu einem Mittelpunkt des Dorfes, wie er es jahrhundertelang gewesen war.
Aber noch mal zurück zur Kriegszeit. Während des zweiten Weltkrieges waren im Saal des Gasthofes Rosenthal (da wo an der Gänsemarktseite die große eiserne Treppe angebracht war) französische Kriegsgefangene, die tagsüber bei den Bauern arbeiten mussten, untergebracht. Im unteren Gasthof (Triebel) hat man 1944/45 im Saal und in einem Nebengebäude für die am Rüstungsbau in der Wutsche eingesetzten Fremdarbeiter (Polen und Ukrainer) das Essen bereitet und ausgegeben. Es gäbe wohl sicher noch manches über den Gänsemarkt zu schreiben. Eines muss aber noch betont werden. Als Gänsemarkt wurde nur die linke Bachseite zwischen dem obern und unterem Gasthof bezeichnet. Die andere Seite an der Straße zwischen Edelhof und der Saale gehörte nicht dazu und wurde Hauptstraße oder Saalstraße, später Saalfelder Straße genannt. Die Straßennamen spielten früher sowieso keine so überragende Rolle, da die Hausnummern mindestens bis in die sechziger Jahre durch das ganze Dorf fortlaufend waren.